Der Fall Guttenberg

Ein Nachruf © Traugott Ickeroth

Es ist erschreckend, wie die Reaktion der Politikerkaste sowie eines Großteils der Medien im Fall Guttenberg ausgefallen sind: „Er hat geschummelt“, „Fußnotenaffäre“, „er war überarbeitet“, „Doppelbelastung“, „jeder macht Fehler“ „schlampige Arbeit“ etc. Wie zutreffend sind diese Aussagen?

„Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus“ von und zu Guttenberg

Wenn man sich die Mühe macht, die Suchergebnisse der Internetnutzer in dem Blog „GuttenPlag wiki“ zu studieren, kommt man unweigerlich zu dem Schluß, daß nahezu die ganze sogenannte „Doktorarbeit“ ein Plagiat ist – ein Plagiat von Anfang bis Ende!

Zwischenbericht von Guttenplag (http://de.guttenplag.wikia.com/) vom 21.02.2011:
„Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate, die Tatsache, daß die Plagiate über die ganze Dissertation hinweg zu finden sind, und die Tatsache, daß selbst die Einleitung kopiert wurde, lassen darauf schließen, daß diese Plagiate kein Versehen waren, sondern bewußt getätigt wurden.“

So beurteilte die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Bayreuth am 23.02.2011 folgerichtig, Guttenberg habe wissenschaftliche Standards „objektiv nicht eingehalten“ und gegen diese „in erheblichem Umfang verstoßen“. Die Frage eines möglichen Täuschungsvorsatzes haben sie – zum Schutz des Täters – offengelassen. „Wir brauchen nicht zu prüfen, ob die ganze Arbeit ein Plagiat ist…“

Dies ist die diplomatische Formulierung, daß sie es ist. Warum erfolgte keine Tiefenprüfung? Ganz einfach, weil sie dann hätten zugeben müssen, daß das komplette Elaborat ein collagenartiges Versatzstück aus Plagiaten ist. Bis heute hat Guttenberg weder gestanden, noch für seinen Betrug entschuldigt.

„Nach Angaben der Internetseite Guttenplag Wiki wurden auf 324 der 393 inhaltlichen Seiten der Dissertation bislang plagiierte Stellen gefunden. Dies entspreche einem Anteil von mehr als 82 Prozent. Demnach sind „nun 891 Plagiatfragmente aus über 120 verschiedenen Quellen“ dokumentiert.“ Berliner Kurier, 05.03.2011

Erst wurde beteuert, daß der Doktortitel seitens der Uni Bayreuth nur bei vorsätzlichem Täuschungsversuch aberkannt werden könne…

Dann wurde erklärt, daß dieses jetzt genauestens überprüft wird. Daraufhin bittet Guttenberg
die Uni um Rücknahme des Doktortitels – rechtlich unmöglich – und daraufhin wird durch die Uni Bayreuth der Doktortitel aberkannt, ohne einen eventuellen Vorsatz zu überprüfen. Seilschaften? CSU-Klüngel? Korruption? Nein, alles Honoratioren und Edelleute. Normalerweise muß der Freiherr vor Gericht erscheinen, denn:

StgB 132a: „Wer unbefugt… inländische oder ausländische Amts- oder Dienstbezeichnungen, akademische Grade, Titel oder öffentliche Würden führt, … wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Manche sind gleicher. Herr Baron wird sich weiter dem Verdacht aussetzen müssen, daß er betrogen, gestohlen und gelogen hat. Zitat Guttenberg vom 15.02.2011:

„Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt.“

Oha! Und vor der Promotionskommission fügte er hinzu: „Ehrenwort“ (!)

Welche Arbeit? Seine? Warum sagt er dann nicht „Ich habe meine Arbeit…“

Dergleichen Formulierungen im Passiv finden sich viele, allerdings nur bei
diesem Thema: „Die Arbeit wurde…“

Wie kam dieses Machwerk zustande?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Die erste ist, daß die „Doktorarbeit“ komplett von einem Ghostwriter, beispielsweise einem Studenten der Politikwissenschaft (Jura fällt aus, da die Quelltexte der kopierten Passagen primär nicht aus juristischen Fachabhandlungen stammen)
im zweiten Semester „geschrieben“ wurde. In drei Wochen ist dies mit „Copy & Paste“ möglich.

Die Preise dafür liegen zwischen 10.000 und 15.000 Euro. (i.d.R. ab 20 €/Seite. Tipp für Harzer!) Es gab kaum Versuche, das Plagiat auch nur ansatzweise zu verschleiern. Dies deutet darauf hin, daß der Freiherr selbst nicht wußte, daß das Traktat nur so von Plagiaten trieft, denn sonst hätte er größere Anstrengungen unternommen, den dreisten Diebstahl zu verschleiern.

Eine andere Möglichkeit ist, er hat sich selbst des „Kopierens & Einfügens“ bedient. Dafür spricht, daß der Fülltext, welcher die einzelnen Kapitel miteinander verbindet, verschachtelt und in einem gestelzten Duktus gehalten ist. Dies bedeutet eine unnötige Verkomplizierung des Textes unter
Zuhilfenahme von Fremdwörtern. Gegen diese Möglichkeit spricht aber, daß die gesamte Einleitung aus einem bekanntem FAZ-Artikel der Politikwissenschaftlerin Prof.

Dr. Barbara Zehnpfennig besteht. Was früher oder später unweigerlich auffallen muß. Kann Durchlaucht wirklich so naiv sein?

Jedenfalls kann es kein professioneller Ghostwriter geschrieben haben, denn diese Leute – es ist ein eigener Berufsstand mit gewissem Ethos – liefern in der Regel saubere Dissertationen ab, allerdings zu einem wesentlich höheren Preis.

Unter 15.000 € läuft da nichts. Sie müssen 1A-Arbeit abliefern, denn sie leben von ihrer Klientel. Das läuft nur über Vermittler, da sich Auftraggeber und Doktorand aus Sicherheitsgründen nicht kennen dürfen. Es scheint ein großes Geschäft, denn es gibt mehrere Ghostwriting-Agenturen in Deutschland.

Unglaublich! Betrug wird zum legalisierten Standard.

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